AUF EINEN NEGRONI MIT PUBLIC POSSESSION

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Vor ein paar Tagen waren wir in MĂŒnchen und haben uns mit den umtriebigen Boys von Public Possession auf einen Negroni im Lokal Kiss getroffen.

 

Sie erzĂ€hlten uns von ihrem ersten Buch (Thema: Schlaf), ihrem Plattenladen- und Label und vom gar nicht mal so ĂŒblen MĂŒnchner Nachtleben.

Dandy Diary: Wie wichtig ist fĂŒr euer Business der Standort MĂŒnchen? 

Valentino Betz: Ich finde es grundsĂ€tzlich erstmal nicht so wichtig, wo wir etwas machen. Viel wichtiger ist: mit wem. Bei uns hat es jetzt erstmal familiĂ€re GrĂŒnde, warum wir in MĂŒnchen sind. Ich habe auch lange woanders gewohnt, Marvin hat lange woanders gewohnt. Das hier hat sich dann irgendwann so ergeben. Das hat jetzt keinen bestimmten Grund nach dem Motto „Das geht jetzt nur hier, was wir machen.“

Marvin Schuhmann: Doch MĂŒnchen ist vergleichsweise klein, die Szene ist ĂŒberschaubar. Jeder kennt jeden. In Berlin, zum Beispiel, gibt es dreißig PlattenlĂ€den und hier gibt es halt so zwei. Jedenfalls fĂŒr das Genre, in dem wir uns bewegen. Und das war natĂŒrlich dann auch so, dass wir dachten: Man kann auch irgendwie was beitragen zum Nichtvorhandensein von gewissen Dingen.

Dandy Diary: Wenn es um Nachtleben geht, dann schaut alles nach Berlin. Ist genau das die Chance fĂŒr StĂ€dte wie Köln, Frankfurt oder eben auch MĂŒnchen? Im Windschatten vorbeiziehen?

Marvin Schuhmann: MĂŒnchen hat natĂŒrlich nicht so diesen Partytourismus, wie Berlin ihn hat. Vielleicht ist das auch einer der GrĂŒnde, weshalb es hier nicht so viele PlattenlĂ€den gibt. Aber was so eine Nachtleben Geschichte angeht, ist MĂŒnchen schon weit vorne, aber eben in einem ganz anderen Bereich. Das ist dann eher dieses Disco-Thema, das hier viel beeinflusst.

Dandy Diary: Was gibt es aktuell fĂŒr Sachen, fĂŒr Partyreihen, fĂŒr Orte an denen man sich dann trifft, an denen sich eine Szene herausarbeitet?

Marvin Schuhmann: Ich wĂŒrde das auch gar nicht so an Orte, sondern an Labels festmachen, die beeinflusst haben.  – oder Musikstudios, weniger Clubs.

Valentino Betz: Wenn du jetzt fragst, wo man hingeht oder wo wir hingehen dann vor allem das Charlie. Dort machen wir so einmal im Monat eine Party. Dann ist jetzt gerade neu das Blitz dazugekommen. Die rote Sonne gibt es schon lange und ist immer noch ein guter Laden. Also es gibt halt so ein paar LÀden, wo man halt hingehen kann.

Euer Plattenladen ist am GĂ€rtnerplatz. Wie lang seid ihr schon da?

Marvin Schuhmann: Wir sind seit 2012 hier, also jetzt bereits im fĂŒnften Jahr. Wir legen aber schon seit 11 Jahren gemeinsam auf.

Valentino Betz: Wir kennen uns schon lÀnger aber daraus ist das alles dann irgendwie gewachsen. Das, was wir jetzt machen.

Dandy Diary: Was verkauft ihr alles im Public Possession?

Valentino Betz: Generell sind wir am Anfang eher in die Breite orientiert gewesen – auch was die Selektion an Platten anbelangt – und jetzt hat sich das ganze mehr und mehr in spezifische Richtungen entwickelt. Und unser Fokus auf eigene Produkte wird immer grĂ¶ĂŸer. NatĂŒrlich, weil wir die auch in den letzten fĂŒnf Jahren ausgebaut haben. Das wird sich auch noch weiter in die Richtung entwickeln. Wir machen ja auch echt viel mit so Merch Geschichten – mit T-Shirts, HandtĂŒchern und BĂŒchern und so weiter und sofort. Es geht also immer mehr darum, dass die eigene Marke in den Fokus rĂŒckt.

Dandy Diary: Vor Jahren wÀre man nur DJ oder Autor gewesen. Ihr macht wahnsinnig viel. Geht da nicht der Fokus, die Tiefe verloren?

Valentino Betz: Ich verstehe den Ansatz deiner Frage und ich sehe auch, dass die Leute sich immer breiter aufstellen. Bei uns war es aber schon eher so, auch wenn wir uns ĂŒber das Auflegen kennengelernt haben und so zu dem gefunden haben, was wir jetzt machen, dass er an der Kunstakademie und ich Philosophie studiert habe. Wir hatten von Anfang an jetzt nie vor einfach nur DJs zu sein oder nur ein Plattenlabel zu machen. Wir hatten immer die Idee einen Deckmantel zu finden fĂŒr alle unsere Interessen, die wir da verwirklichen können.

Marvin Schuhmann: Unter einem Namen: Public Possession.

Valentino Betz: Und das hat sich so evolviert in den letzten Jahren, dass wir halt immer mehr machen und dass sich das in verschiedene Richtungen entwickelt. Und das mit dem T-Shirt ist auch so – wir haben halt einmal ein T-Shirt gemacht und das kam total gut an und seitdem haben wir das ausgebaut.

Dandy Diary: Ihr habt ja auch ein eigenes Label. Wieviel Veröffentlichungen habt ihr pro Jahr?

Marvin Schuhmann: Zwischen fĂŒnf und acht.

Dandy Diary: Wieviele KĂŒnstler habt ihr bei euch, die mehr oder minder regelmĂ€ĂŸig was rausbringen?

Marvin Schuhmann: RegelmĂ€ĂŸig, so ist jedenfalls der Plan, sollte das bei allen passieren. Wir versuchen schon das so mit zusammen zu entwickeln.

Valentino Betz: Wir sind jetzt weniger darauf aus, KĂŒnstler bei unserem Label zu haben, mit denen wir eine Platte machen und dann schicken wir sie wieder weg. Wir hĂ€tten da gerne so eine Konstanz drin. Und es kommen natĂŒrlich immer mehr neue Leute dazu, aber die meisten, die von Tag eins dabei sind, machen auch immer noch Musik auf unserem Label.

Dandy Diary: Wie selektiert ihr? Sind das alles persönliche Kontakte?

Valentino Betz: Grundvoraussetzung ist, dass wir mit denen klarkommen. Das geht gar nicht anders. Bis auf einen oder zwei kennen wir alle persönlich. Und dann muss uns die Musik auch gefallen, wir bringen nichts nach KalkĂŒl raus.

Dandy Diary: Was fĂŒr Auflagen habt ihr? 

Marvin Schuhmann: Die Auflagen hÀngen vom Release ab, aber es gibt Minimum 500.

Valentino Betz: Das ist halt nur Vinyl und mittlerweile machen wir auch vieles digital und da ist dann natĂŒrlich Open End. Bei Vinyl ist es so, dass wenn etwas vergriffen ist und wir merken, dass die Leute es echt wieder haben wollen, wir dann auch nach pressen.

Marvin Schuhmann: Es ist nicht so, dass wir mit dem kĂŒnstlichen Verknappungsding arbeiten. Klar gibt es dann die Momente, wo eine Platte dann mal nicht sofort nachgepresst wird, wenn sie vergriffen ist. Aber das hat dann eher was mit finanziellen Strukturen zu tun.

Dandy Diary: Dann habt ihr, was ja auch erstmal gegensÀtzlich zu euren sonstigen TÀtigkeiten (DJ, Nachtleben etc.) scheint, ein Buch zum Thema Schlaf herausgebracht. 

Valentino Betz: Ja, das bleibt auch nicht unser erstes Buch. Wir haben schon vor das weiter zu machen. Wir haben auch in der letzten Zeit selber gemerkt, dass wir mehr Geld fĂŒr BĂŒcher ausgeben, als fĂŒr Platten. BĂŒcher sind bei uns auch ein Dauerthema. Du hast gefragt: Warum Schlaf? Aber das wissen wir halt nicht. Man kann darum einen Mythos spinnen und den Grund erfinden.

Dandy Diary: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, wer kam auf den Gedanken?

Marvin Schuhmann: Das war leichte ÜbermĂŒdung.

Valentino Betz: Die Idee an sich war weniger ein Buch ĂŒber Schlaf machen zu wollen. Wir wollten generell ein Buch machen. Da war die Herangehensweise ein wenig vorweggenommen. Alles was wir machen entsteht immer gemeinschaftlich. Er ist mehr fĂŒr die grafische Seite zustĂ€ndig und ich eher fĂŒr das textliche.

Wir hatten halt immer vor, uns die BĂ€lle zuzuspielen. Das heißt er spielt ein Bild rĂŒber, ich einen Text und dann schaut man mal, wie das so zusammenkommt. Das ganze an einem lĂ€ngerfristigen Projekt auszuprobieren, war die Idee. Das ist dann im Endeffekt Schlaf geworden. Es hĂ€tte wahrscheinlich auch was anderes werden können.

Dandy Diary: Was ist das nÀchste Thema? 

Valentino Betz: Das wissen wir noch nicht. Schlaf ist ja gerade im Mai rausgekommen, das ist noch ziemlich nah dran. Zu der Zeit haben wir auch ein paar andere Dinge schleifen lassen, die wir erstmal aufarbeiten mĂŒssen.

Marvin Schuhmann: Wir sind halt nur zu zweit und das merken wir dann schon irgendwann. Man merkt dann, dass man bei bestimmten Dingen an seine Grenzen stĂ¶ĂŸt, man Sachen eigentlich machen will und dann vor dem Ergebnis steht und denkt: Das ist jetzt doch nicht so geil.

Dandy Diary: Zum Thema Schlaf: Was ist eure Erkenntnis? Was bleibt nach drei Monaten intensiver BeschÀftigung mit einem Thema hÀngen? Was nehmt ihr mit und was kann ich mitnehmen, wenn ich das Buch lese? 

Marvin Schuhmann: Meine Erkenntnis zu dem Thema war, dass ich erkannt habe, dass es uferlos ist.

Valentino Betz: Also wir können easy jetzt Teil zwei machen. Du hast jetzt schon in zehn Sekunden mit Raum angefangen und dann kommst du vom hundertsten ins tausendste bei Schlaf, das hört nicht auf. Das Buch ist auch darauf auslegt, dass es in die Breite geht und nicht in die Tiefe. Das ist total oberflĂ€chlich, das ist kein Sachbuch. Das ist kein Buch wo wir sagen: Danach weißt du mehr. Sondern eher so ein Anreiz noch tiefer zu gehen.

Marvin Schuhmann: Oder eben einzuschlafen, wenn du es liest.

Valentino Betz: Es werden verschiedene Themen angeschnitten. Wir haben Texte wie Prosa, wissenschaftliche Texte als auch Gedichte. Ziemlich breit gefĂ€chert also. Die Erkenntnis, die man vielleicht daraus gewonnen hat ist, dass man sich dessen nicht gewahr ist. Man geht abends ins Bett und schlĂ€ft im besten Falle. Es gibt echt Leute, die damit ernsthafte Probleme haben, was ich auch vorher nicht gewusst habe – oder mich nie wirklich damit beschĂ€ftigt habe. Es ist schon so, dass jeder, dem man das erzĂ€hlt, was damit anfangen kann. Obwohl es ein natĂŒrliches BedĂŒrfnis ist, ist es irgendwie sehr, sehr tiefgrĂŒndig.

Dandy Diary: Schlaft ihr denn gut? 

Valentino Betz: Ja

Marvin Schuhmann: Ich auch.

Dandy Diary: Habt ihr da Rituale, was die Arbeit als DJ und euren Schlaf angeht?

Marvin Schuhmann: Nee, also wenn ich nach dem Auflegen nachhause komme, schlafe ich sofort ein, wache aber eben auch frĂŒh auf, das ist eher das Problem.

Valentino Betz: FrĂŒher bin ich um sechs oder sieben ins Bett und habe dann bis drei geschlafen. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt wache ich um 10:00 Uhr auf.

In den fĂŒnf Jahren Plattenladen habe ich festgestellt, dass desto mehr wir ordern und desto mehr ich mich damit beschĂ€ftige – desto weniger kenne ich auch. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich eigentlich keinen Plan mehr habe.

Fotos: Lion Mayer

Category: Special

Tags: Negroni, Public Possession

Von: Angelika Watta

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