Auf den Zug aufgesprungen: der BVG Schuh von Adidas

Mittlerweile wurde ich schon von drei sonst nicht besonders mode- oder trend-affinen Freunden gefragt, ob ich ihnen denn nicht einen dieser Turnschuhe besorgen könne, von denen im Berliner Internet aktuell jeder spricht und schreibt.

Gemeint sind die im Muster eines U-Bahn-Sitzes designten Sneaker von ADIDAS ORIGINALS, in deren Lasche ein Jahresticket für die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) eingewebt ist.

Dass die Schuhe dabei nichtmal besonders schön aussehen, scheint meinen Freunden egal. Die Begehrlichkeit eines U-Bahn-Tickets scheint größer zu sein, als der Wunsch nach einem guten Aussehen. Allein das ist doch ein schönes Sinnbild für das ehemals arme und sexy Berlin, das mittlerweile einfach nur gern nicht mehr beim Schwarzfahren erwischt würde, ganz egal, ob man dafür einen eher unsexy Turnschuh tragen muss.

Die Kampagne von BVG und ADIDAS ORIGINALS scheint fern solcher stadtpolitischen Realitäten aufzugehen: alle sprechen darüber, alle wollen den Schuh mit dem Ticket.

ADIDAS ist damit geschickt auf den seit Jahren witzig tweetend durch die Hauptstadt rollenden Zug der BVG-Werber aufgesprungen. Die viele Berichterstattung über den Schuh dürfte ein vielfaches der Produktionskosten, die bei einem Turnschuh ohnehin im niedrigsten zweistelligen Bereich liegen, an Media-Wert eingespielt haben.

Im ZeitMagazin-Newsletter, zum Beispiel, wird die Design-Kooperation mit Verweis auf die aus der JVA ausgebrochenen Häftlinge besprochen. Man könne mit den Schuhen schnell durch die Stadt laufen und zum Beispiel auch zurück zur JVA, frotzelt da die Redaktion. Dass die meisten Kommentatoren im Internet vor allem Interesse am Jahresticket haben und weniger an einem Schuh zum Durch-die-Stadt-laufen, zeigt, dass bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr nach wie vor ein zentrales Thema in Berlin ist. Der Luxus ist hier nicht der limitierte Sneaker, sondern die Möglichkeit aus der Kriminalität des Schwarzfahrens geholt zu werden, wenn auch nur für ein Jahr, und eben zum Preis von 180,- Euro und dem, immer mit den selben Schuhen fahren zu müssen.

Dass das Ticket nur für die U-Bahnen, nicht aber für die S-Bahnen der Hauptstadt gilt, sollten die 500 glücklichen Käufer der Schuhe allerdings besser wissen – sonst behält das ZeitMagazin recht und man landet mitsamt neuen Schuhen in der JVA und kriegt womöglich noch die Schnürsenkel der ach so witzigen Sneaker abgenommen. Auch dazu würde den kecken BVG-Werbern dann sicher wieder ein funky Tweet einfallen.

Hauptsache niemand spricht über einen stadtweiten, kostenfreien öffentlichen Nahverkehr.

Die auf 500 Paar limitierten Sneakers sind ab dem 16. Januar im adidas Originals Flagship Store sowie bei Overkill in Berlin für 180,- Euro erhältlich.

  • Overkill Berlin (Kreuzberg, Köpenicker Str. 195a)
  • Originals Flagship Store (Berlin Mitte, Münzstraße 13-15)

Category: News

Von: Carl Jakob Haupt

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