Alle machen alles und keiner säuft mehr

Ein Freund erzählte mir, dass in den Kunstwerken, einem der angesagtesten Ausstellungsorte Berlins, bald wieder eine Bar aufmachen würde, oder ein Club, so genau wüsste man es wohl selbst noch nicht. Jedenfalls soll es dort eventig werden und ausgelassen und eben auch mal nicht nur um Kunst an der Wand und im Raum gehen, sondern sicher irgendwie auch im Sozialen und natürlich um Kunstvermittlung, zum Beispiel zwischen zwei Lines auf der zu kleinen Toilette oder beim Anstehen an der beim Opening absehbar überfüllten Bar.

Im angemessen rauen Keller des Schinkel Pavillons, einer weiteren Berliner Kunststätte, öffnete unlängst ebenfalls eine Bar und alle waren ganz entzückt und kamen mit ihren dünn gerahmten Brillen und betranken sich zu lauter Musik. Es war extrem cool, sehr meta und letztlich total egal.

Während sich bei Einzelpersonen schon seit einiger Zeit der Trend hin zur selbstvermarktenden Ich-mach-einfach-alles-Persönlichkeit manifestiert hat (Stichwort I: Blogger/Model/DJ/Influencer/Designer; Stichwort II: Kanye West), ziehen jetzt die Institutionen mitunter etwas schwerfällig nach. Anstatt es den machen zu lassen, der es am besten kann, macht jetzt jeder erstmal selbst – und dann am besten gleich alles:

Magazine verkaufen Merchandise, Blogs sind ihre eigene Agentur, Models spielen DJ, It Boys & Girls sind Designer und sowieso alle Moderatoren, Klamottenläden werden Cafés und Galerien nun eben Nachtclubs.

Expertise und Meisterschaft scheinen nicht wichtig, denn jeder kann ja alles. Das ist nicht zuletzt der richtige und alles ändernde Gedanke des Punks gewesen, nur dass nun eben nicht Dilettantismus, Chaos und Lärm folgen, sondern alles irgendwie gleich ist, weil wenn jeder alles macht, keiner eine Sache dann ja so richtig gut. Es muss ja weiter gehen, zum nächsten Projekt, zur nächsten SACHE. Und außerdem soll damit ja bitteschön auch noch ein wenig Geld verdient werden und die Marke ausgebaut.

Vielleicht sind deshalb aktuell klassische Eckkneipen mit ihren Deutschlandfahnen, gehäkelten Tischdeckchen und dem gezapften Bier für 1,10 Euro wieder so viel angesagter als Member Clubs mit teuren Sofas und Bars mit passiv beleuchtetem Rückbuffet. Das könnte die Suche nach Authentizität sein, die man so in der Bar einer Galerie wohl eher nicht finden wird, weil es da eben nicht nur ums ehrliche Saufen geht.

In den Kunstwerken hat es diese Authentizität einmal gegeben: rund um die Jahrtausendwende existierte in dem damals noch baufälligen Haus der Club “Pogo”, über den die schöne Lüge existiert, dass es dort ausschließlich Champagner in kleinen Flaschen und mit Strohhalm zu trinken gab. Das “Pogo” ist jetzt schon lange Geschichte und das Haus renoviert. Was nun folgen soll, mit dem neuen Club oder der Bar dürfte sich dann vielleicht noch anfühlen wie Feiern im Museum – und ist damit zumindest sehr nah an der Arriviertheit der Kunstwerke.

Neues, Spannendes, Inspirierendes und Besonderes wird dort und so wohl eher nicht geschaffen, genauso wie die DJ-Sets von Modebloggern eben auch nicht unbedingt das sind, was man musikalische Avantgarde nennen kann. Es wird vielmehr das Bestehende verwaltet und alle haben Spaß. Wir am allermeisten.

Fuck!

Category: Special

Von: Carl Jakob Haupt

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