7-Tage-Fasten

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Nach Wochen der Völlerei, in denen die Maßlosigkeit überhand nahm, in der ausschließlich gefressen und gesoffen wurde, Event auf Event folgte, fühlte ich mich unbeweglich und aufgedunsen.

Es bedurfte eines radikalen Schrittes: Ich rief Philip von Mollenkott an, einen langjährigen Freund, den ich einst für mich treffend als den “schwulen Vater, den ich nie hatte” bezeichnete, auch wenn Molle, wie Freunde ihn nennen, gar nicht schwul ist, hat er doch etwas – nun ja – überdrehtes, bisweilen gockelhaftes. Und ist für mich die erste Anlaufstelle, wenn es um knifflige Lebenssituationen geht, welche es zu lösen gilt.

Er schwärmte schon seit Jahren vom Fasten. Nach einem kurzen Telefonat trafen wir uns, um gemeinsam zur easyAPOTHEKE zu gehen, um mich mit dem notwendigsten auszustatten: Glaubersalz, Irrigator.

Glaubersalz wirkt in hohem Maße abführend und ist bestens dazu geeignet vor dem Beginn des Fastens den Darm zu entleeren. Zur Funktion des Irrigators, dessen Name ja schon irgendwie pervers klingt, komme ich später. Ich nahm eine Überdosis Glaubersalz, um sicherzugehen, dass auch ja alles rauskommt.

Danach lag ich im Bett und wartete auf den Toilettengang, welcher während der Fastenzeit eine enorm wichtige Rolle einnimmt. Denn nach jedem erfolgreichen Gang auf dem Thron, welche im Verlauf der 7 Tage immer rarer werden, überkommt einen das Gefühl der Befreiung, der Loslösung von etwas Bösem.

Man ertappt sich dabei, wie man seinen eigenen Stuhl betrachtet und meint darin Elemente zu erkennen, welche sich sicherlich schon seit Jahrzehnten im Körper festgesetzt hatten, doch jetzt, endlich, ist man sie los.

Die ersten zwei Tage vergingen erstaunlich problemlos. Ich trank Tee und Unmengen von Wasser, welche ich ohne Ende in mich hinein kippte. Natürlich dachte ich an Essen – eigentlich immer und überall – doch es war nicht so so, dass die Gedanken mich übermannten und ernsthaft Gefahr drohte, dass ich abbrechen müsste.

Der dritte Tag wurde härter. Es ging nicht um das Hungergefühl, was mich stärker malträtieren sollte, sondern um etwas viel grundsätzlicheres: mein Leben. Ich traute meinem Körper nicht, nahm an, dass ich wahrscheinlich einfach umkippe, tot umfalle. Was mir – in der Öffentlichkeit – schrecklich peinlich gewesenen wäre. Einmal musste ich meinem Friseur James schnell noch erläutern, dass – wenn ich gleich zusammenklappe – das Fasten schuld sei. Es sollte nie zu einem Zusammenbruch kommen.

Von Kindheit an bekommt man beigebracht, wie überlebenswichtig, dass tägliche Essen ist, daher ist es beim ersten Mal Fasten schwer zu verstehen, dass es auch so geht, ohne Essen, mit Tee und Wasser, wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum, bevor es dann wirklich lebensbedrohlich wird. Ich nahm an, dass ich meine Fastenzeit ausschließlich im Bett verbringen werde. Ohne Energie. Antriebslos, leidend – doch das Gegenteil war der Fall.

Wenn der Körper merkt, dass keine Nahrung mehr zugeführt wird, holt er sich die Energie erst aus den Zuckerreserven aus Muskeln und Leber, später aus dem Eiweiß, und dann – endlich – aus den Fettreserven. Ich hatte das Gefühl, dass ich anders funktioniere, wenn die Energie aus meinen körpereigenen Reserven produziert wird. Manchmal fühlte es sich so an, als sei ich auf Speed, ein wenig High. Schnell denkend, sprunghaft.

Der 4. Tag begann mit einer To-Do-Liste, welche ich innerhalb von Stunden konsequent, fokussiert abarbeitete. Einer meiner To-Do’s sollte mich in das Karstadt am Hermannplatz führen, wo ich mir spontan eine goldene Kette mit Delfin-Anhänger kaufte, quasi als Belohnung für mein Durchhaltevermögen. “Für ihre Freundin?!”, fragte mich eine Verkäuferin, “Nein, für mich”, entgegnete ich stolz. Mein erstes Fasten High.

Am 5. Tag, wahrscheinlich schon viel zu spät, auf Druck von meinem unnachgiebigen Fasten-Berater, befasste ich mich mit dem Irrigator, welcher noch immer verpackt, in einem Pappkarton auf seinen Einsatz wartete. Ein Irrigator ist ein Flüssigkeitsbehälter samt Schlauch, der für Einläufe oder Scheidenduschen verwendet wird.

Bevor ich mir den Schlauch in den Arsch rammte, schaute ich mir eine Vielzahl von YouTube-Tutorials an, in denen Vlogger sich dabei filmten, wie sie sich gegenseitig Einläufe verpassen. Eine Szene, so kurios, dass ich mich erst Stunden später von ihr lösen konnte, um mich auf meinen eigenen Einlauf zu konzentrieren.

Ich kochte Kamillentee, füllte den Tee in den Irrigator und versuchte mir dann den Schlauch anal einzuführen. Was sich als kein leichtes Unterfangen herausstellen sollte, denn ich musste – im Gegensatz zu meinen Helden aus den YouTube-Tutorials – alles in absoluter Dunkelheit durchführen.

Denn ich wohne im Erdgeschoss, ohne Vorhänge. Ich, nackt, auf dem Boden wimmernd, mit Schlauch im Hinterleib, das wollte ich den glücklichen Familien im Gräfekiez ersparen. Doch – nach ein paar glücklosen Versuchen – musste ich mir eingestehen, dass das mit dem Irrigator und mir wohl nichts werden würde.

Am nächsten Tag flog ich nach Kopenhagen, um mir die sehenswerte Retrospektive von Marina Abramović im Louisana Museum anzuschauen, bei der Fasten – und das war mir neu – zum Teil wichtiger Part ihrer Performances war. Nachdem ich Kopenhagen überstanden hatte, der 6. Tag angebrochen war, war mir klar: Ich habe es fast geschafft, eine Woche lang nichts zu essen, ein starkes, überwältigendes Gefühl.

Welches das letzte, das schönste High auslösen sollte: Ich saß in meiner Wohnung, begann voll von Energie aufzuräumen, was darin gipfelte, dass ich Klamottenberge vor die Tür stellte, weil ich – so war mir auf einmal glasklar – all das nicht mehr bin.

Vor dem Fenster meiner Wohnung bildete sich schnell eine Traube von Menschen, welche sich um meine Gaben stritt, drinnen rannte ich umher, wollte mich von immer mehr lösen. Irgendwann, als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, dass ich in meinem Rausch wohl auch meinen Wohnungsschlüssel weggeschmissen haben musste, am nächsten Tag durchwühlte ich die Mülltonnen im Innenhof. Ergebnislos.

Es war Zeit wieder mit dem Essen zu beginnen. Ich brach das Fasten mit einem Apfel. Es war nicht so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wie immer im Leben ist die Vorstellung schöner, als die Realität. Und ein wenig traurig war ich auch, dass mein Körper fortan wieder Energie aus Lebensmitteln beziehen würde.

Category: News

Tags: Fasten, Völlerei

Von: David Kurt Karl Roth

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