48h “Stadt der Liebe”

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L’AMOUR TOUJOUR

Vom Jet-Set-Glamour 60er und 70er ist nicht mehr allzu viel übrig, zu mindestens auf Kurzstreckenflüge, da geht es mitunter kurios zu:

Stewardessen, die aussehen, als hätten sie kurz vor dem Abflug noch an der Kasse bei Netto gesessen. Ein Bordmenü, welches selbst den größten Feeder samt seiner gefräßigen Begleitung dazu veranlasst eine kurze Essenspause einzulegen. Und Massen an lauten, ungehobelten Rüpeln, die sich in den Flieger drängeln, als wäre es der letzte Nachtbus nach Cottbuss. Wo ist Gunther Sachs? Oder Brigitte?

Zeit seine Reisegewohnheiten zu überdenken? Genau das habe ich kürzlich gemacht, gemeinsam mit Lebemann und Dandy Diary Intimus Philip von Mollenkott. Per Nachtzug – gebucht über Voyages-sncf.com – ging es für uns nach Paris.

Abfahrt, Freitag, 21:00 Uhr, Berlin Hauptbahnhof. Einfach einsteigen, kein nerviger Security-Check, dafür Weißwein und Dinner im Bordbistro.

Und eine Kellnerin, deren einzigartige, anmutige Schönheit dafür sorgt, dass wir das Bordbistro erst Stunden später verlassen sollten.

Irgendwann war es dann doch soweit: wir bezogen unser Nachtquartier, ein 2-Betten-Zimmer mit Blick auf vorbei rauschende Landschaften, welche wir erst Stunden später, im Morgengrauen, kurz vor Paris sehen sollten.

Ein Trip nach Paris ist natürlich immer lohnenswert, doch aktuell besonders empfehlenswert: Denn der britische Fotograf Martin Parr zeigt eine eine große Ausstellung in der „Philharmonie de Paris“ – in Zusammenarbeit mit Musiker Matthieu Chedid.

Lange bevor die New Yorker Trend Agency K Hole den Begriff „Normcore“ prägte, richtete Martin Parr den Fokus seiner Nikon Kamera auf die alltäglich, absurden Dinge:

Frau, die in der Sonne brät, das Gewinner-Gemüse eines Wettbewerbs und immer wieder Touristen – in allen erdenklichen, oftmals amüsanten Variationen. Zu den Fotografien Parr’s, welche als Diashows präsentiert wurde, gab es Musik von Chedid zu hören.

Eine wunderbarer Mix, ähnlich wundervoll, wenn auch in anderer Form, ging es am Abend, nach der Ausstellung, weiter:

im „Crazy Horse“ – ein legendäres Kabarett mit freizügigen, gottesgleichen Frauen – welche auf der Bühne eine 2-stündige Choreografie aufführten, welche beim Betrachter für einen wohlig, trippig-geilen Zustand sorgte. Am nächsten Tag besuchten wir noch eine Ausstellung von Tino Sehgal in „Palais de Tokyo“.

Ein Performance-Artist, bei dessen Arbeiten unklar ist, wer Besucher, wer Künstler ist. Oder ist der Besucher Künstler?

Unklar, klar ist, dass die von Segal kuratierte „Carte Blanche“ Show sehr zu empfehlen ist. Danach ging es für uns auf einen Flohmarkt – Pit-Stop beim Eiffelturm – und weiter zum Brillen-Designer TARIAN.

Der, wie sein Vater außergewöhnliche Brillenmodelle entwirft: beispielsweise eine Sonnenbrille, mit der sich dank geschickt konstruierter Spiegelung nach hinten blicken lässt, als würde man im Auto sitzen. Copperfield’sche Magic Skills.

Später, kurz bevor ich einschlief, im Zug, auf dem Weg von Paris nach Berlin, unter mir die ratternden Gleise, übermannte mich ein wohlig, nostalgisches Gefühl.

Reisen mit dem Nachtzug sicherlich nicht die schnellste Variante, doch fraglos eine stilvolle Angelegenheit.

Category: Special

Tags: Paris, sncf, Tarian, Tino Sehgal

Von: David Kurt Karl Roth

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