Foto: blog.styleranking.de
Carl Jakob, Gastautor Dandy Diarys, hat sich mit der Bebelplatz-Problematik auseinandergesetzt:
Nicht zum ersten Mal entbrennt aktuell die Debatte, ob das Zelt der Berliner Fashion Week auf dem Bebelplatz aufgestellt werden darf oder nicht. Dass an diesem Ort der Schande, an welchem 70.000 Nazi-Studenten, -Professoren und andere Arschlöcher am 10. Mai 1933 zehntausende Bücher von „undeutschen“ Autoren verbrannten, nie wieder eine Veranstaltung, ein Event gar, stattfinden darf, steht nicht zur Diskussion. Darum geht es nicht. Natürlich dürfen, ja müssen dort Veranstaltungen stattfinden – Veranstaltungen der Kultur. Denn eine aufgeklärte Kultur kann letztendlich immer auch ein Bollwerk sein, gegen Totalitarismus jedweder Art.
Die Kampflinie ist eine andere:
Ist die Berliner Fashion Week eine kulturelle oder eine kommerzielle Veranstaltung? Es geht darum, ob dort ein Zirkuszelt des Konsums oder ein Tempel der Kultur aufgestellt wird.
Widmen wir uns also der Problematik:
Mode, ja Mode kann Kunst sein, ohne Frage. Man schaue nur auf die Haute Couture Fummeleien aus Paris. Das, meine Damen und Herren, ist Schneiderkunst, ist Handwerkskunst, ist Designkunst. Keine Diskussion.
Doch was wir Halbjahr für Halbjahr im Rahmen der Modewoche auf dem geschichtsträchtigen Bebelplatz zu sehen bekommen, ist keine Kunst. Es ist, der Name „Mercedes Benz Fashion Week“ sagt es schon, eine kommerzielle Veranstaltung, die den Verkauf von durchschnittlicher Kleidung, von Autos, von hippen Getränken und von zu Marken gewordenen Promis anregen soll. Hauptsponsor ist ein Automobilkonzern, der sich im Glanz von Models, Designern und B-Prominenten sonnen will. Im weißen Zelt wird Veltins gereicht, unentgeltlich. Nicht etwa, weil Veltins besonders viel an der Kunst liegt (obgleich die grüne Flasche tatsächlich ziemlich stilbewusst ist), sondern, weil Veltins gerne auf möglichst vielen Fotos und Videos mit Promis glänzen will. Die Opinion Leader der Szene sind schließlich vor Ort. Sie nehmen die Einladung dankend an, denn bei wirklich wichtigen Schauen, wie in Paris, müssten sie wohl vor verschlossenen Türen stehen. Nun ja, nicht so schade.
Das sind die Rahmenbedingungen. Sponsorships, Präsentationen im exklusiven Rahmen, VIP-Lounges, Logo-Wände und dergleichen bestimmen das Bild. Doch auch wenn wir einen Blick auf das werfen, um das es eigentlich gehen soll, die vermeintliche Kunst, die Mode also, sieht es ähnlich madig aus.
Gezeigt werden bunte Beachwear-Ideen aus Barcelona, Halbglamouröses aus Berlin und vor allem Tragbar-Langweiliges von diversen deutschen Provinz-Designern. Kunst? Nein, Kunst ist nicht zu finden – weit und breit nicht. Selbst ein avantgardistischer Provokateur wie der Münchner Patrick Mohr zieht seinen Models Turnschuhe von Reebok oder K1 an. Wie würde wohl Mark Rothkos Gemälde No. 1 aussehen, wenn darauf ein Aufkleber für den Leinwandhersteller wirbt oder gar für ein schickes Biermixgetränk? Wäre das Kunst oder Kommerz? Die Antwort ist klar. Wir würden es, trotz aller Vision, eher dem Marketing, denn der Kultur zuordnen.
Die Frage ist doch: Ist es wirklich schlimm, wenn Mode, die natürlich auch verkaufen will, sich prostituiert für den Konsum? Nein! Warum auch? Konsum ist doch geil! Wir alle lieben es, massenweise Knete aus dem Fenster zu werfen für verrückte Kleidung. Ist doch voll okay. Nur Kunst, Kunst ist das nicht. Sollte es auch nicht sein wollen. Und deshalb wäre es auch wirklich kein großer Act das schneeweiße, von Mercedes Benz gesponserte Zelt an einem anderen Ort aufzuschlagen. Die Shuttles des Autoherstellers sind doch sowieso gratis. Also habt euch nicht so, feiert den Konsum, und verabschiedet euch von dem Gedanken auf der Berliner Fashion Week Kunst zu sehen.
Alle, die letzteres nicht können, sehen wir in Paris (übrigens auch gesponsert von Mercedes Benz – ups!).
Text: Carl Jakob Haupt
Dieser Beitrag wurde am Sonntag, Mai 23rd, 2010 um 19:52 publiziert. es ist abgelegt unter Modeund verschlagwortet mit Bebelplatz. Du kannst die Antworten zu diesem Beitrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen.
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