Im Interview:Leon Löwentraut

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Inmitten von Kunst, darunter Arbeiten von Günther Uecker, Erwin Wurm und Christo, und delikaten Fisch-Canapés – Räucherlachs, Krebsfleisch, Stremellachs mit Meerrettich – kunstvoll inszeniert auf einem Windsurfboard der Marke Dakine, steht Leon Löwentraut, „erfolgreicher Jungstar der internationalen Kunstszene“, den ich zuvor flüchtig auf einer „Be a Mover Night“ kennenlernte, bereit für unser Gespräch. Gemeinsam mit seinem Galeristen Dirk Geuer und der „Be a mover“-Initiative der Daimler AG kam Löwentraut auf die Idee sich für drei junge Talente einzusetzen: Die Fotografin Menja Stevenson sowie die Künstler Anne Kutzner und Kennet Lekko, deren Arbeiten zwei Wochen lang, neben Werken von berühmten Künstlern, auf der Sylt Art Fair präsentiert werden. Eine Initiative, die genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, mitten in der Corona-Pandemie, in einer Zeit, in der der Kulturbetrieb besonders hart zu kämpfen hat, nie war es wichtiger junge Künstler zu unterstützen. Bevor das Interview beginnt, wirft Jörg Schwarz, der PR-Berater von Leon Löwentraut, einen Blick über die Schulter des Interviewers, hinab auf meine Fragen, um dann kurz darauf zu verkünden: „Ready, Steady, Go!“

Du siehst dich selbst ganz bewusst als Teil der Generation „Instagram“, nutzt die Social Media Plattform geschickt für deine Selbst-Inszenierung. Ich, als Modeblogger, habe mit Spannung verfolgt, wie Instagram das Design in der Mode nachhaltig beeinflusst hat. Glaubst du, dass auch deine Kunst, Form und Farbe – durch die Social Media App beeinflusst wird?

„Nein.“

Ich, der Interviewer, sichtlich überrascht von der sehr knappen Antwort, eine erste glitzernde Schweißperle bahnt sich ihren Weg durch mein mehr oder minder dichtes Haar, suche hastig nach einer weiteren, erfolgsversprechenden Frage in meinem offenen TextEdit Dokument auf  meinem hell erleuchtenden Display meines Macintosh und finde: Du sammelst ja selbst auch Kunst. Welche Künstler befinden sich denn in deiner Sammlung?

„Ich stehe auf verschiedene Sachen, bin vor allem an abstrakten Kunstwerken interessiert. Hermann Nitsch, David LaChappelle, Günther Uecker, Imi Knoebel, Jeff Koons, Heinz Mack, das sind einige Künstler, die ich selbst sammele. Andere Künstler zu sammeln, macht mir unglaublich Spaß, weil ich es langweilig finde, wenn man nur von seiner eigenen Kunst umgeben ist. Ich finde, man sollte sein Interesse immer auch anderen Künstlern gegenüber zeigen.“

Deine Kunst, so entnimmt man deinen Interviews, endet nicht beim eigentlichen Werk, meist ein recht großes, abstrakt-expressionistisches Bild, sondern auch deine teils pompöse Inszenierung auf deinen Ausstellungseröffnungen begreifst du als Teil deines Gesamtkunstwerks. Inszenierungen, die hierzulande oftmals auf Kritik stoßen. Wie wird deine Kunst und Inszenierung in anderen Kulturen bewertet?

„Die beiden Ausstellungen 2016 und 2018 in New York, die waren sehr prägend für mich, weil ich da einfach festgestellt habe, dass die Amerikaner, die Szene in New York, meine Kunst ganz anders auffasst, die Besucher, die bekannten Sammler, die haben mir ein Kompliment nach dem anderen gemacht, das hat mich sehr, sehr gefreut, denn ich als Künstler, will ja Menschen erreichen mit meiner Kunst. Und auch Emotionen in ihnen auslösen. Es geht mir in meinen Ausstellungen in erster Linie um Emotionen. Alles was ich in einer Ausstellung plane, ist Teil des Gesamtkunstwerks, meiner Performance, da jeder Aspekt auf die Emotionen der Menschen einwirkt. Ich möchte, dass man auf meinen Ausstellungen was erlebt.”

Jeder Künstler entwickelt gewisse Rituale, wenn es um seine Arbeitsweisen geht.

„Ja, das ist bei mir auch so, ich fange meist erst sehr, sehr spät an zu arbeiten, vor 16:00 Uhr würde ich nicht daran denken ins Atelier zu gehen, sondern sehr spät abends oder gar nachts, das ist so meine Zeit. Ich höre Musik und trage während der Arbeit die immer gleiche Jogginghose, die dementsprechend aussieht, voll von Farbe.“

Heute, hier beim Pre-Opening der in der Neuen Bootshalle stattfindenden Sylt Art Fair, die noch bis 11. Oktober läuft, trägt der 22-jährige Künstler Undercut, eine hellblaue, schmal geschnittene Jeans, dazu eine Regenjacke der Marke Moncler mit floralem Muster, in hellblau / dunkelblau, dazu Turnschuhe in grünem Wildleder mit je 56 kleinen, spitzen Spikes auf der Schuhkappe.

Der Interviewer beschließt jetzt, nach dem Warm-up, die wirklich großen Themen anzugehen: Demokratie. Für den Düsseldorfer Landtag hast du ein Gemälde mit dem Titel „Together for the future“ angefertigt, für das du dich von der Architektur des Gebäudes inspirieren lassen hast. Vorletztes Wochenende hat ein Mob aus Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern beinahe den Reichstag, die Herzkammer unser Demokratie, gestürmt. Wie beurteilst du die Geschehnisse? Und wie würde dein Kunstwerk für den Reichstag aussehen, wenn morgen Mutti Merkel anruft, wahrscheinlich schwierig, so spontan, oder?

„Schwierig ist das nicht, ich könnte da schon drauf antworten, aber die Antwort wäre überflüssig, weil ich, indem Moment, wo der Auftrag von dem Reichstag an sich kommen würde, mir dann die Gedanken mache, mich mehr in das Thema reinfinde, um es auf meine Art zu interpretieren. Das Bild für den Düsseldorfer Landtag ist nicht von heute auf morgen entstanden. Ich habe mich ja sehr, sehr stark mit dem Thema beschäftigt, auch das Gespräch der zwei Figuren auf dem Bild zueinander, das ist ja auch das Thema der einzelnen Parteien, die miteinander kommunizieren müssen, weil es geht um das große Ganze, es geht darum für das Volk zu sorgen, damit es dem Volk auch gut geht.“

Berlin verliert die Sammlung Flick, den meCollectors Room und auch Julia Stoschek droht mit Abzug. Du lebst in Düsseldorf. Eine Ferndiagnose: Ist Berlin „over“? Falls ja, welche Stadt übernimmt?

„Also ich bin leider kein Hellseher, daher weiß ich nicht, wie dass in der Zukunft aussehen wird, aber ich als Künstler hoffe natürlich, dass die Kunst nicht verschwinden wird, ich konzentriere mich weiter auf mein Werk, anderseits finde ich es toll, wenn Veranstaltungen, wie hier zum Beispiel, dafür genutzt werden jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben ihr Werk zu zeigen.“

Mmmhh, okay, denke ich. Widmen wir uns einem anderen Thema: „Cancel Culture“. Man hat das Gefühl, dass der Spielraum für Kunst und Künstler immer kleiner wird. Wie blickst du als junger Künstler auf die Entwicklung?

„Also die Frage ist jetzt, was ich über Freiheit in der Kunst denke, oder was?“

Na ja, wir erleben aktuell eine Zeit, in der recht schnell die Moralkeule geschwungen wird, es wird hart debattiert, was erlaubt ist, was nicht, somit wird der Raum für Kunstschaffende kleiner. Was sagst du dazu?

„Das ist eine gute Frage, eine sehr, sehr gute Frage. Ich denke, dass die Freiheit in der Kunst unglaublich wichtig ist, dadurch, dass jeder Kunst anders interpretiert, und dadurch das halt auch Kunst unglaublich frei sein muss, und Themen anspricht, die vielleicht sehr umstritten sind, anderseits sieht ja auch jeder etwas anderes in einem Kunstwerk, daher ist die Meinung ja oft sehr subjektiv. Ich, für meinen Part, würde jetzt sagen, dass ich gewisse Themen anspreche und es wäre auch glaube ich arrogant zu sagen, dass das jedermanns Stil wäre. Das kann man nicht behaupten. Das kann niemand behaupten. Doch wichtig ist, dass man als Künstler, wie ich es bin, seine Themen und Gedankengänge auf die Leinwand bringt. Und sich da verwirklicht. Was der Betrachter später in der Galerie oder im Museum in dem Bild sieht, ist ja wieder eine andere Sache.“

Noch einmal nachhakend: Wo sind denn deine Grenzbereiche?

„Ich kenne in der Kunst keine Grenzen, denn Kunst ist frei, und ich, für meinen Teil, kenne da einfach gar keine Grenzen, habe mein Stil und meine Themen, die ich verfolge.“

Ein weiterer Themensprung, der letzte: Im Zuge der „Black Lives Matter“ Demonstrationen wurden weltweit Statuen gestürzt, die umstrittene Personen aus der Kolonialzeit ehren. Wie sollte man deiner Meinung nach mit derart fragwürdigen Denkmälern umgehen? Stürzen oder doch stehen lassen, in neuem Kontext setzen?

„Genau, weil ich halt Kreativschaffender bin, bin ich dafür da kreativ zu sein und nicht um andere Menschen zu verurteilen oder deren Tun zu rechtfertigen, deswegen bin ich grundsätzlich dafür, dass man Menschenrechte einhält, und ich bin dafür, dass man künstlerische Freiheit genießen kann.“

Das Interview ist vorbei, ich bleibe etwas ratlos zurück, am eckigen Stehtisch, beobachte ich Leon Löwentraut noch, wie er umringt von der lokalen Presse, über eines seiner abstrakten Kunstwerke referiert, später dann im Hotel, das Gesagte abtippend, wird ein Gefühl zur Gewissheit, Leon Löwentraut hat das Gros meiner Fragen geschickt umschifft, Fragen beantwortet, die ich nie gestellt habe.

Vielleicht, so denke ich, muss das so sein, frei und kreativ, auch beim Fragen beantworten, Künstler eben.

Category: Special

Tags: Dirk Geuer, Leon Löwentraut, Sylt Art Fair

Von: David Kurt Karl Roth

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