12 Jahre alt, Kinderstimme, Rapper

Ein Freund zeigte mir vor ein paar Wochen das Soundcloud-Profil von einem, wie er mir ankündigte, Rapper namens »Brown Eyes White Boy «. Gut, dachte ich, mach mal. Nach einem kurzen, cloudigen Intro rappte auf den Uploads dann plötzlich eine Kinderstimme, deutlich hörbar vor dem Stimmbruch, über Mangos, die man teilen und Messer, die man stecken lassen soll. So weit, so absurd. Ein Blick auf Fotos des Künstlers haben dann offenbart, dass Brown Eyes White Boy neben dem Stimmbruch auch von den restlichen Auswüchsen der Pubertät bisher verschont geblieben ist. Seine Musik aber, die klingt abgesehen von der Stimme wirklich nicht nach Angry Birds und IKEA-Bällebad, den eigentlichen Einzugsgebieten von Kindern.

Brown Eyes White Boy kommt, so ergeben weitere Recherchen, aus Österreich. Letzteres überrascht wenig, ist das Alpenland zwar nicht fähig, einen Bundespräsidenten zu wählen, hat dafür in den letzten Jahren aber mit Wanda, Bilderbuch, Yung Hurn und Crack Ignaz für einige der interessantesten deutschsprachigen Musikerzeugnisse gesorgt.

BEWB ist der neueste Zuwachs in dieser vom Feuilleton wegen ihrer Innovationen und der »Alles Egal«-Attitüde in komplizierten Zeiten geliebten Ansammlung von Künstlern. Und er ist der mit Abstand jüngste: er ist 12.

Seine Musik ist melodischer, lieblicher Cloud-Rap mit R&B-Einflüssen. Die Songs heißen »Sitze im Gras«, »Ich weiss nich« und »Wunderschöner Tag«. Alles ist egal und der Himmel blau. Die Sorglosigkeit scheint weniger Stilmittel als die authentische Sicht eines 12-Jährigen auf die Welt, der sich ob anderer Protagonisten in der Rap-Welt sehr zurecht fragt:

»Bruder warum holst du denn dein Messer raus? Alles cool und so, warum bist du schlecht gelaunt?«

Brown Eyes White Boy

Die Juice, immerhin noch so etwas wie »der Spiegel« des Deutschrap, schrieb über den Österreicher etwas gewollt jung, letztlich aber doch richtiggehend, dass sein »Ohrwurm-Game on fleek« sei und seine Musik »superlit«.

Fast noch interessanter als BEWB ist das Alter Ego des 12-Jährigen, dessen leiblicher Name im Internet nicht wirklich zu finden und eigentlich ja auch vollkommen egal ist: unter dem Namen »Gr1mer« rappt er auf klassische Boombap-Beats, zitiert Nas, erwähnt MF Doom und ist musikalisch meilenweit davon entfernt, was man von einem Kind im Jahr 2016 erwarten würde.

Genre-und Realnessgrenzen werden nicht nur überwunden, sondern gesprengt und vernichtet. Man muss nicht in den 90ern in Brooklyn auf der Straße rumgehangen haben, um guten Boombap-Rap zu machen. Ein in diesem Jahrhundert geborener Salzburger Junge kann das auch. Eine derart ausgeprägte musikalische Diversität und Anpassungsfähigkeit sieht man auch bei älteren Vertretern der Rap-Zunft selten.

Young Schönling (alleine der Name!) ist auch 12 Jahre alt und, da muss man ehrlich sein, keine textliche und musikalische Offenbarung. Seine Rap-Skills sind weit von denen eines BEWB entfernt. Das Kindliche in Blick, Stimme und Bewegungen ist bei ihm noch wesentlich ausgeprägter und ergibt in Kombination mit dem typischen Rap-Gestus und dem Rappen über Frauen eine absurde Mischung, die am Ende nicht nur lustig, sondern eben doch irgendwie spannend ist.

Kurt Prödel, der auch für Money Boy ein Video gemacht hat und vor ein paar Monaten mit diesem Zusammenschnitt einen viralen Hit gelandet hat, ist für die visuelle Untermalung von »Dieses girl« verantwortlich und verleiht dem Track jede Menge Post Internet-Glanz und irgendwie auch eine Legitimation.

Thematisch ist Young Schönling sehr nah an seiner Generation: es geht darum, nicht nur zur Schule zu gehen, um Pokemon und um das Zitieren von den üblichen Hiphop-Stereotypen (Frauen, Geld, Autos), was am Ende nur bedingt verfängt, die Distanz der Realitäten ist dann doch zu groß.

Die Musik von BEWB und Young Schönling kommt letztendlich weniger aus dem Kinderzimmer, sondern aus dem Internet. Dort sind Alter, Herkunft und Kontakte in die Szene erstmal egal, hochladen kann schließlich jeder, was er will. Die große Demokratisierung, von der in der Mode immerzu gesprochen wird, findet in der Musik derzeit in Reinform statt.

Das Ergebnis ist erfrischend wie ermutigend: Entgegen aller Schwarzmalereien von sorgenvollen Eltern und “Früher war alles besser”-Verfechtern führt das Internet die jungen Generationen nicht in den oft beschriebenen, tiefschwarzen Abgrund inklusive Verdummung und Antriebslosigkeit. Es ermöglicht ganz offensichtlich, dass Triebe und Ideen viel früher veröffentlicht und auf Rückmeldung stoßen können. So wie in diesem Fall: BEWB und Young Schönling machen teils im engsten Sinne gute, teils einfach nur unterhaltsame, in jedem Fall aber spannende Musik.

Category: Music

Tags: Brown Eyes White Boy, Young Schönling

Von: David Jenal

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